tuwort und Unverb des Jahres

Der tuwort-Podcast wählt jedes Jahr das tuwort des Jahres und das Unverb des Jahres.

Weil wir wir mit dem tuwort-Podcast darauf aufmerksam machen wollen, wie mit Sprache gehandelt wird, sind wir nicht einfach an Wörtern interessiert. Nein, im Fokus stehen Verben, also die Wortart, die am besten den Handlungscharakter von Sprache repräsentiert.

Doch was verstehen wir unter der Unterscheidung von tuwort und Unverb?

  • Als tuwort verstehen wir ein Verb mit Symptomcharakter dessen häufige Verwendung sich prägenden Ereignissen oder Debatten verdankt. Es soll sich also um ein Verb handeln, in dem sich Zeitgeist verdichtet. 
  • Als Unverb verstehen wir ein Verb, das ebenfalls typisch für gesellschaftliche Ereignisse oder Debatten eines Jahres ist, jedoch auffällt, weil es verhüllt, in die Irre führt, zynisch oder entmenschlichend wirkt.

tuwort des Jahres 2023

Die Shortlist der Kandidaten für das tuwort 2023 wird in Folge tuwort #16 vorgestellt. In der Folge tuwort #17 verkünden wir das Wahlergebnis:

  1. verstromen: 28.9%
  2. chatGPTen: 22.7%
  3. herbeisparen: 11.3%

Unsere Laudatio zum tuwort des Jahres 2023: verstromen

Das Verb „verstromen“ ist nicht neu, sondern kommt in Verbindung mit fossilen Energieträgern schon länger vor: Ein Generator „verstromt den fossilen Energieträger“, die „ostdeutsche Braunkohle wird verstromt“, aber auch „Gülle kann verstromt“ werden. Das DWDS-Korpus zeigt auf Basis von Zeitungskorpora deutliche Anstiege von „verstromen“ in den 1990ern, dann aber vor allem in jüngster Zeit. Das liegt am drängenden Thema des Klimawandels, in dessen Zuge elektrische Energie ein Hoffnungsträger darstellt und deshalb diskutiert wird, welche Energieträger denn verstromt werden könnten. Damit drückt sich in „verstromen“ die Ambivalenz elektrischer Energie aus, bei der die Herkunft des Stroms eben entscheidend dafür ist, wie „grün“ Strom ist.

Unverb des Jahres 2023

Die Shortlist der Kandidaten für das tuwort 2023 wird in Folge tuwort #16 vorgestellt. In der Folge tuwort #17 verkünden wir das Wahlergebnis:

  1. woken: 37.5%
  2. anspülen: 18.75%
  3. rückabwickeln: 16.7%

Unsere Laudatio zum Unverb des Jahres 2023: woken

„Woken“ wird meist im Passiv verwendet. „Es wird gewoket“ und zwar vermeintlich immer häufiger sogar „kaputtgewoket“. 

  • „Gewoket“ wird etwa, wenn die Priorität des Autos im städtischen Verkehr hinterfragt wird. 
  • „Gewoket“ wird, wenn sexistische Witze kritisiert werden. 
  • „Gewoket“ wird, wenn im Kindergarten kein Fleisch auf dem Speiseplan steht. 
  • „Gewoket“ wird, wenn jemand genderneutrale Sprache benutzt. 
  • „Gewoket“ wird, wenn zu Solidarität mit Palästina aufgerufen wird. 
  • „Gewoket“ wird, wenn KI nicht Hassrede und Antisemitismus produzieren soll. 
  • „Gewoket“ wird, wenn der Anteil Schwarzer in der Werbung höher liegt als ihr Anteil an der Bevölkerung. 
  • „Gewoket“ wird, wenn Filmrollen nach Diversitätskriterien vergeben werden. 
  • „Gewoket“ wird, wenn Minderheiten Rechte einfordern. 

Was tun also Personen, die „woken“? Sie tun etwas, das den Benutzerinnen und Benutzern des Wortes nicht ins Weltbild passt, ihren Lebensstil infrage stellt und das deshalb abgelehnt wird. Und zwar indem es pauschal als Ausfluss einer durch die Existenz des Wortes erst konstruierten Ideologie gedeutet wird. „Woken“ ist daher ein Verb, das keinen referenziellen Bedeutungskern hat, sondern ein Schema negativer Bewertung aufruft. Es entlastet seine Nutzerinnen und Nutzer davon, sich an gesellschaftlichen Debatten über die Legitimität alternativer Normalitätsvorstellungen zu beteiligen und schadet daher dem demokratischen Diskurs. Deshalb wurde es von den Hörerinnen und Hörern des Tuwort-Podcasts zum Unverb des Jahres 2023 gewählt. 

tuwort des Jahres 2022

In unserer Podcast-Folge tuwort #9 stellten wir eine Shortlist von Kandidaten für das tuwort 2022 vor. Danach hatten unsere Hörer:innen die Wahl und konnten für ihre Favoriten stimmen. In der Folge tuwort #10 verkündeten wir das Wahlergebnis:

  1. weginflationieren (18%)
  2. sich freitesten (17%)
  3. auseinanderdividieren (10%)

Unsere Laudatio zum tuwort des Jahres 2022: weginflationieren

Das Wort weginflationieren ist zwar nicht völlig neu: Es bezeichnet generell den positiven Effekt für Kreditnehmer:innen während einer Inflation, da der Wert der realen Schuldensumme sinkt und damit auch die Zinsen sinken, also „weginflationiert“ werden. Im Jahr 2022 mit hoher Inflation steht weginflationieren symptomatisch für die unterschiedlichen geldpolitischen Rezepte und Interessen: Die hohen Schulden der Staaten werden zwar „weginflationiert“ („die hochverschuldeten Staaten wollen ihre Schulden weginflationieren“), die Gehälter (und Mindestlöhne) werden es jedoch auch.

Unverb des Jahres 2022

In unserer Podcast-Folge tuwort #9 stellten wir eine Shortlist von Kandidaten für das Unverb 2022 vor. Danach hatten unsere Hörer:innen die Wahl und konnten für ihre Favoriten stimmen. In der Folge tuwort #10 verkündeten wir das Wahlergebnis:

  1. totboostern (32%)
  2. herunterheizen (21%)
  3. entnazifizieren (19%)

Unsere Laudation zum Unverb des Jahres 2022: totboostern

Zusammen mit anderen Wörtern, die die Auffrischungsimpfung gegen das Corona-Virus mit dem Tod in Verbindung bringen, wie totspritzen und totimpfen wird mit dem Verb totboostern das Ziel verfolgt, Impfen zu diskreditieren. In seiner milderen Verwendungsvariante stellt der Ausdruck die Wirksamkeit von Auffrischungsimpfungen gegen COVID-19 in Frage, indem negative Effekte auf die Gesamtgesundheit insinuiert werden („das Immunsystem totboostern“). Häufiger wird der Ausdruck allerdings dafür verwendet, die vermeintlich tödliche Wirkung von Impfungen zu behaupten („sich mit der neuartigen Gen-Impfbrühe totboostern lassen“). Diese Vorstellung wird verschwörungsraunend mit Behauptungen verquickt, Boostern diene der Lösung der demografischen Probleme („Greise in den Altersheimen werden totgeboostert“) oder gar der Auslöschung des deutschen Volkes („das Volk wird totgeboostert“). Das Verb „totboostern“ wurde vom Publikum des Tuwort-Podcasts als grob irreführender Ausdruck zum Unverb des Jahres 2022 gewählt, weil es einen wirksamen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen faktenwidrig als tödliche Gefährdung konstruiert.

tuwort des Jahres 2021

Im tuwort-Podcast #4 stellten wir eine Shortlist von Kandidaten vor:

  • durchimpfen 
  • gleichbehandeln
  • runterziehen
  • spazierengehen
  • videotelefonieren
  • zusammenhocken

Das Live-Publikum entschied sich für:

gleichbehandeln

Das Verb „gleichbehandeln“ referiert auf einen Grundwert von demokratischen Rechtsstaaten: Dass Rechte und Gesetze für alle gleichermaßen gelten, dass Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion und sexueller Orientierung gleichberechtigt sind und nicht benachteiligt oder bevorzugt werden dürfen. Dennoch aktualisieren sich an der mangelnden Gleichbehandlung von Menschen immer wieder gesellschaftliche Konflikte, man denke an die gleichgeschlechtliche Ehe. Auch im Jahr 2021 kristallisierten sich zahlreiche Konflikte an der Frage, ob Menschen gleich zu behandeln seien. Widerspricht die Impfpriorisierung dem Gleichbehandlungsgrundsatz? Sollen alle Menschen zwangsweise gleichbehandelt werden (Impfobligatorium)? Oder sorgen Menschen, die sich nicht impfen lassen, dafür, dass Risikogruppen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ohne sich zu gefährden? Sollen Geimpfte im Fall eines schweren Krankheitsverlaufs von Ärztinnen bevorzugt behandelt werden? Und inwiefern sind Impfnachweise für den Besuch von Restaurants und Veranstaltungen mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz vereinbar? Weil das Verb „gleichbehandeln“ während der Covid-19-Pandemie zu einem zentralen Medium der Aushandlung sozialer Normen geworden ist, ist es das Tuwort des Jahres 2021.

Unverb des Jahres 2021

Im tuwort-Podcast #4 stellten wir eine Shortlist von Kandidaten vor:

  • weitermerkeln
  • impfizieren
  • herbeimutieren
  • baerbocken
  • angendern

Das Live-Publikum entschied sich für:

angendern

Das trennbare Verb „angendern“ wird benutzt, um Kritik an Personen oder Medien zu äußern, die die sog. gegenderte Sprache gebrauchen. Das oft passiv verwendete Verb („angendert werden“) drückt dabei das Unbehagen aus, mit sprachlichen Formen konfrontiert zu werden, die mehrere Geschlechter referenzieren, wie etwa die Kennzeichnung von Mehrgeschlechtlichkeit mithilfe des Glottisschlags zwischen Wortstamm und Suffix /in/ (Radiosprecher:in). Zum Unverb des Jahres wurde „angendern“ deshalb gewählt, weil mit dem Wort die Behauptung verknüpft ist, man „gendere“ mit Sprache nur, wenn man explizit mehr als ein Geschlecht referenziert. Dabei „gendert“ man auch durch den Gebrauch des generischen Maskulinums. Und jene, die sich davon nicht mitgemeint fühlen, empfinden dabei das gleiche Unbehagen. Diejenigen, die „angendern“ gebrauchen, nehmen also etwas für sich in Anspruch, das sie anderen verwehren: nicht mit sprachlichen Formen angesprochen zu werden, die der eigenen Geschlechtlichkeit und der eigenen Auffassung von adäquatem Deutsch widersprechen.